Selbsthilfelandschaft in Österreich

Struktur der gemeinschaftlichen Selbsthilfe in Österreich

Gemäß der ersten und bisher letzten umfassenden Bestandserhebung des österreichischen Selbsthilfefeldes aus dem Jahr 2008 existieren ca. 1.700 Selbsthilfegruppen und –organisationen in Österreich (Braunegger-Kallinger et al. 2009). Gemeinschaftliche Selbsthilfe in Österreich ist auf drei Ebenen (regionale Ebene, Landes- und Bundesebene) und in drei Formen (Selbsthilfegruppen, Selbsthilfeorganisationen, Selbsthilfe-Unterstützungseinrichtungen) organisiert (Forster et al. 2009).
 

Selbsthilfegruppen auf regionaler Ebene

- sind freiwillige, meist lose Zusammenschlüsse von Menschen, deren Aktivitäten sich auf gemeinsame Bewältigung von Krankheiten, psychischen oder sozialen Problemen richten, von denen sie - entweder selbst oder als Angehörige - betroffen sind. Sie wollen mit ihrer Arbeit keinen Gewinn erwirtschaften. […]Ihr Ziel ist neben der Problembewältigung i. e. S. eine Veränderung ihrer persönlichen Lebensumstände und häufig auch ein Hineinwirken in ihr soziales und politisches Umfeld. In der regelmäßigen Gruppenarbeit betonen sie Authentizität, Gleichberechtigung, gemeinsames Gespräch und gegenseitige Hilfe.“(Kofahl, Trojan 2016).
 

Selbsthilfeorganisationen (themenbezogen)

- auf Landes- und Bundesebene unterscheiden sich von Selbsthilfegruppen durch einen höheren Grad an organisatorischer Komplexität und stärker außenorientierten Aktivitäten, wie Öffentlichkeitarbeit und Interessenvertretung. Meistens widmen sich diese einem Themenbereich, in einzelnen Fällen sind sie auch themenübergreifend.

Auf Bundesebene bestehen ca. 160 Selbsthilfeorganisationen. Die meisten von ihnen sind themenspezifisch. Vereinzelt finden sich auch themenübergreifende Selbsthilfe- bzw. Patientenorganisationen. Im Bereich der seltenen Erkrankungen hat sich beispielsweise 2011 ProRare gegründet, die Allianz für seltene Erkrankungen. Anfang 2018 der Bundesverband Selbsthilfe Österreich als Zusammenschluss themenbezogener, bundesweiter Selbsthilfeorganisationen konstituiert.
 

Selbsthilfe-Unterstützungseinrichtungen auf Landesebene

haben sich seit den 1980ern etabliert. Diese haben eine breites Aufgabenspektrum und vermitteln u.a. interessierte Personen an Selbsthilfegruppen, unterstützen Selbsthilfegruppen in ihrer Arbeit (z.B. Angebot von Seminaren) und bemühen sich um Kooperationen mit Gesundheitsversorgung und -politik sowie ein selbsthilfefreundliches Klima. In Österreich existieren zwei Formen von Selbsthilfeunterstützungseinrichtungen:

  • Selbsthilfe-Dachverbände
  • Selbsthilfe-Kontaktstellen

Selbsthilfe-Dachverbände stellen einen themenübergreifenden Zusammenschluss der Selbsthilfegruppen und –organisationen in einem Bundesland nach dem Vereinsgesetz dar. Vertreter/innen der Selbsthilfegruppen und –organisationen stellen einen Großteil der Vorstandsmitglieder, so dass die Aktivitäten der Selbsthilfeunterstützungseinrichtungen an den Bedarfen der Mitglieder ausgerichtet sind. Die Vereine sind Träger der Selbsthilfe-Unterstützungseinrichtung mit zumeist hauptamtlichen Mitarbeiterinnen/Mitarbeitern und werden in unterschiedlichem Ausmaß von Sozialversicherung, Land und teilweise Stadt gefördert. Derzeit existieren Selbsthilfedachverbände in folgenden Bundesländern.

In Wien gibt es darüber hinaus das Martha-Frühwirtzentrum für medizinische Selbsthilfegruppen, welches die räumliche Infrastruktur für etwa 20 Selbsthilfegruppen/-organisationen bereitstellt.

Auf Bundesebene haben sich einzelne Selbsthilfe-Dachverbände im Jahr 2017 zum nationalen Netzwerk Selbsthilfe (NANES) zusammengeschlossen.
 

Selbsthilfe-Kontaktstellen

- sind Unterstützungseinrichtungen, die bei anderen Trägern als Selbsthilfe-Dachverbänden angesiedelt sind. In der Bundeshauptstadt trägt die Wiener Gesundheitsförderung die Selbsthilfe-Unterstützungsstelle (SUS Wien). In der Steiermark fungiert Jugend am Werk als Träger der Selbsthilfe Steiermark.

Auf Bundesebene ist die ÖKUSS als Selbsthilfekontaktstelle zu betrachten. Unsere Zielgruppe sind insbesondere die bundesweiten Selbsthilfeorganisationen.
 

Literatur

Braunegger-Kallinger G, Forster R, Krajic K, Nowak P, Österreicher S, Barcza A (2009): PatientInnen- und Angehörigenorganisationen in Österreich. Ergebnisse einer österreichweiten Fragebogenerhebung. Überarbeitete Version 06/09. Institut für Soziologie der Universität Wien, Wien

Forster R, Nowak P, Braunegger-Kallinger G, Österreicher S, Krajic K (2009): Patienten- und Angehörigengruppen/-organisationen in Österreich. Ergebnisse und Schlussfolgerungen aus einem bundesweiten Forschungsprojekt. In: Soziale Sicherheit, Dezember, S. 614 – 629

Kofahl Ch, Trojan A (2016): Selbsthilfe, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeförderung. https://www.leitbegriffe.bzga.de/alphabetisches-verzeichnis/selbsthilfe-selbsthilfegruppen-und-selbsthilfefoerderung/?uid=020d4b1efb4c7da6820ecbed2c07c08d (23.5.18)