Selbsthilfe

Entstehung und Funktionen gemeinschaftlicher Selbsthilfe

In den letzten Jahrzehnten ist eine Zunahme und steigende Anerkennung gemeinschaftlicher Selbsthilfe zu verzeichnen. Vermehrt schließen sich Menschen aufgrund eines gemeinsamen Problems zusammen, um es im wechselseitigen Austausch gemeinsam zu bearbeiten. Hinter dieser Entwicklung stehen mehrere Faktoren wie z. B.

  • eine immer bessere medizinische Versorgung und Behandlung, die aber manchmal die psychosozialen und kommunikativen Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten nicht ausreichend adressiert,
  • die Abnahme von Großfamilien (in gemeinsamen Haushalten),
  • die Schaffung umfassender Bildungs- und Informationsangebote von und für Betroffene sowie
  •  die Einrichtung von (Selbsthilfe-)Unterstützungsstrukturen, die Betroffenen bei der Gründung und der laufenden Arbeit von Selbsthilfegruppen helfen und ein selbsthilfefreundliches Klima schaffen.

Selbsthilfegruppen kommen vor allem dort zum Tragen, wo professionelle Angebote nicht weiterhelfen, weil sie nicht jene Bedürfnisse erfüllen (können), die Betroffene in Selbsthilfegruppen führen. Das betrifft z. B. den Austausch unter Betroffenen des gleichen gesundheitlichen Problems oder das Anerkannt werden als Experte oder Expertin aufgrund der Erfahrungen, die im Leben mit der Erkrankung entstehen.

Selbsthilfegruppen sind selbstorganisiert und bestimmen ihre Ziele, Arbeitsweisen und Aktivitäten autonom (Stark/Bobzien 1989). Entsprechend vielfältig gestaltet sich das Feld der Selbsthilfe, da die einzelnen Gruppen auf ihre jeweiligen Teilnehmerinnen und Teilnehmer abgestimmt sind.

In der Folge können sich Selbsthilfegruppen zu Selbsthilfeorganisationen weiterentwickeln, die verstärkt auch nach außen orientierte Aktivitäten wie etwa Interessenvertretung wahrnehmen. Mehr zur Struktur der Selbsthilfe in Österreich erfahren Sie auf den nachfolgenden Seiten.
 

Funktionen der gemeinschaftlichen Selbsthilfe

Eine Grundlagenarbeit über Selbsthilfe in Österreich identifizierte drei aufeinander aufbauende Funktionen der gemeinschaftlichen Selbsthilfe (Forster et al. 2009).
 

Selbsthilfegruppen als wechselseitige Unterstützung

Zentrales Element von Selbsthilfegruppen ist die wechselseitige Unterstützung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Diese solidarische Unterstützung stellt auch einen Beitrag zur sozialen Integration Betroffener bzw. Angehöriger dar. Auf Grundlage des gesammelten Erfahrungswissens kann sich der gegenseitige Beistand um die Unterstützung unmittelbarer Betroffener/Angehöriger erweitern (Peer-Beratung).

Angemerkt sei, dass die Teilnahme an Selbsthilfegruppen freiwillig erfolgt und ein gewisses Maß an Bereitschaft zur Mitarbeit sowie kommunikative Fähigkeiten erfordert. Sind die Selbsthilfekräfte eines Menschen – wie im Fall akuter Krisen – stark eingeschränkt, können die davon Betroffenen seitens der Selbsthilfegruppen nur bedingt aufgefangen werden. „Selbsthilfe auf Rezept“ im Sinne einer routinemäßigen Überweisung an Selbsthilfegruppen ist daher nicht in jedem Fall sinnvoll und kann auch zur Überforderung der Gruppe führen.

Selbsthilfeorganisationen als komplementäre Dienstleister durch individuelle Unterstützung

In dieser Funktion erbringen erfahrene Betroffene/Angehörige Informations- und Beratungsleistung für andere Betroffene/Angehörige. Einzelne Selbsthilfeorganisationen richten auch Rehabilitationswochen für Gruppen (z. B. Feriencamps) unter Mitwirkung von Fachkräften aus.

Durch die Erbringung von Dienstleistungen werden Selbsthilfegruppen/-organisationen auch stärker von anderen Leistungserbringern wahrgenommen.

Selbsthilfeorganisationen als kollektive Interessenvertretung

Durch den Erfahrungsaustausch in Selbsthilfegruppen und die Beratung einzelner Betroffener/Angehöriger sind in Selbsthilfeorganisationen wertvolles Erfahrungswissen und Betroffenenkompetenz gesammelt vorhanden, die nicht nur zur wechselseitigen Unterstützung und Änderung der persönlichen Lebensumstände der Teilnehmerinnen und Teilnehmer genutzt werden können, sondern auch dafür, durch Interessenvertretung und Öffentlichkeitsarbeit in das sozial- und gesundheitspolitische Umfeld hineinzuwirken.

Interessenvertretungsaktivitäten sind ressourcenintensiv. Eine mangelhafte Ressourcenausstattung und ein Machtungleichgewicht gegenüber etablierten gesundheitspolitischen Akteurinnen und Akteuren bergen das Risiko einer Überforderung und Instrumentalisierung.
 

Selbsthilfegruppen/-organisationen leisten damit einen Beitrag zu den Handlungsfeldern der Gesundheitsförderung, wie sie in der Ottawa-Charta der Gesundheitsförderung (WHO 1986) deklariert ist:

  • Unterstützung gesundheitsbezogener Gemeinschaftsaktionen: Erfahrungsaustausch und wechselseitige Unterstützung in der Selbsthilfegruppe
  • Entwicklung persönlicher Kompetenzen – durch den wechselseitigen Austausch in Selbsthilfegruppen erfolgt soziales und fachliches Lernen, welches zu der Generierung von Wissen, der persönlichen Entwicklung und der Stärkung praktischer Kompetenzen zur Alltagsbewältigung beiträgt.
  • Schaffung gesundheitsfördernder Lebenswelten und die Reorientierung von Gesundheitsdiensten – durch Aufzeigen von Verbesserungsmöglichkeiten in der Gesundheitsversorgung und Einbringen des Erfahrungswissens in gesundheitspolitische Entscheidungen

Selbsthilfegruppen/-organisationen wird daher eine Schlüsselrolle für Gesundheitsförderung zugesprochen (Rojatz/Forster 2015).
 

Literatur

Stark, Wolfgang, Monika Bobzien (1988): Über das „Innenleben“ von Selbsthilfegruppen. „Empowerment“ als Selbstverständnis und Arbeitsprinzip. In Zurück in die Zukunft. Selbsthilfe und gesellschaftliche Entwicklung, Hrsg. Selbsthilfezentrum München, 196–207. München: Profil.

Forster, Rudolf; Braunegger-Kallinger, Gudrun; Nowak, Peter; Österreicher, Sonja (2009): Funktionen gesundheitsbezogener Selbstorganisation - eine Analyse am Beispiel einer österreichischen Untersuchung. In: SWS-Rundschau 49/4468-490

Rojatz, Daniela; Forster, Rudolf (2015): Gemeinschaftliche Selbsthilfe als Gesundheitsförderung pur!? In: Prävention und Gesundheitsförderung1-10

WHO (1986): Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung. (Zugriff am 19.6.2018).