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Gesundheit gemeinsam gestalten

Viele Lebensbereiche haben Einfluss auf die Gesundheit und damit die Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen: Schule, Job, Familie, Freundinnen und Freunde, Freizeit, Umwelt, Klima und vieles mehr. Um die eigene Zukunft selbst formen zu können, ist es wichtig, bei Entscheidungen, die Kinder und Jugendliche betreffen, auch mitzureden, die Meinung zu sagen, bei Fragen einbezogen und bei Maßnahmen für die Gesundheit berücksichtigt zu werden. Ein erfolgreicher Weg dorthin sind Jugendgesundheitskonferenzen.

Das folgende Interview wurde mit Mag.a Brigitte Lindner vom Kompetenzzentrum Zukunft Gesundheitsförderung der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) geführt. Sie ist Projektleiterin des Netzwerks Jugendgesundheitskonferenzen und erklärt, warum das Format einen wichtigen Beitrag zur Stärkung von Gesundheitskompetenz und psychosozialer Gesundheit leistet und welchen Stellenwert Beteiligung hat.

Warum braucht es gerade jetzt Jugendgesundheitskonferenzen?
Der Bedarf an Unterstützung ist nach Corona noch einmal deutlich sichtbar geworden, gleichzeitig zeigt sich aber schon seit vielen Jahren, dass die psychosoziale Gesundheit junger Menschen abnimmt. Jugendgesundheitskonferenzen sind sehr gut geeignet, um die Gesundheit und die Gesundheitskompetenz zu fördern. Der Weg zum guten Gelingen geht dabei über Beteiligung.
Das ist im Moment besonders wichtig, weil Jugendliche heute zu den ersten Generationen gehören, deren Zukunftswege nicht mehr klar vorgegeben sind. Sie müssen vielmehr selbst herausfinden, was auf sie zukommt und wie sie ihren Weg gestalten wollen. Vieles ist unsicher, und niemand kann heute genau sagen, welche Kompetenzen in Zukunft tatsächlich gebraucht werden. Umso wichtiger ist es, flexibel und resilient zu sein und mit neuen Herausforderungen umgehen zu können.

Wie laufen diese Konferenzen grundsätzlich ab?
Jugendliche setzen sich intensiv mit der Frage auseinander, welche Faktoren ihre Gesundheit prägen, und realisieren eigene Projekte zum Thema Gesundheit – orientiert an dem, was sie selbst für sich als besonders dringend und relevant erleben. Diese aktive Umsetzung hat eine starke Wirkung auf die Selbstwirksamkeit und stärkt zugleich wichtige Lebenskompetenzen. Genau das ist sehr zielführend, wenn es darum geht, Resilienz aufzubauen und aktuelle Herausforderungen bewältigen zu können. Der Ansatz setzt also auf der subjektiven psychosozialen Ebene an: selbstwirksam zu sein und mit Herausforderungen gut umgehen zu können.
Es handelt sich dabei auch nicht um eine einzelne Konferenz, sondern viele Events mit starkem regionalem Bezug. In Wien finden heuer zum Beispiel in vier Bezirken Jugendgesundheitskonferenzen statt. In Oberösterreich, Tirol, Kärnten und der Steiermark wird das Angebot in einem Jahr jeweils für bestimmte politische Bezirke gestellt.
Die umsetzenden Organisationen der Jugendgesundheitskonferenzen treten dabei an Einrichtungen heran, die mit Jugendlichen arbeiten, z. B. Schulen, Jugendzentren etc. Es gibt dann Informationsveranstaltungen für die erwachsenen Bezugspersonen aus den Einrichtungen (z. B. Pädagoginnen und Pädagogen, Jugendarbeiter:innen). Diese werden eingeladen, Projekte mit den Jugendlichen zum Thema Gesundheit umzusetzen und die Jugendlichen als Gruppe dabei zu begleiten. Die Projekte werden von den Jugendlichen selbstbestimmt gestaltet. Für die Umsetzung erhalten sie eine Mikroförderung von 300 bis 500 Euro. Zu Beginn setzen sich die Jugendlichen intensiv mit dem Thema Gesundheit und Faktoren, die die Gesundheit beeinflussen, auseinander. Danach wählen sie ein gesundheitsrelevantes Thema, das sie besonders interessiert und erarbeiten dazu ein gemeinsames Projekt. Als Höhepunkt präsentieren die Jugendlichen dann ihre Ergebnisse auf einer Jugendgesundheitskonferenz, die von ihnen auch umfassend mitgestaltet wird. Bei einer Jugendgesundheitskonferenz handelt es sich um einen Event mit Bühnenprogramm und vielen Marktständen, zu denen von 200 bis zu 1.000 Jugendliche kommen sowie häufig auch Vertreter:innen der regionalen Politik. Aussteller:innen sind die Projektteams der Jugendlichen, aber auch Organisationen mit regional verfügbaren Angeboten zur Förderung der Gesundheit junger Menschen. Auch wir vom Kompetenzzentrum Zukunft Gesundheitsförderung der Gesundheit Österreich GmbH sind hin und wieder auf Jugendgesundheitskonferenzen präsent, um Jugendliche über unsere Beteiligungsangebote zu informieren.

Warum spielt die die Gesundheitskompetenz eine so große Rolle?
Jugendliche müssen darin unterstützt werden, Selbstverantwortung zu übernehmen und Informationen auch kritisch hinterfragen zu können. Sie brauchen Wissen über Gesundheit und über die vielen Faktoren, die Gesundheit beeinflussen. Ebenso wichtig ist es, dass sie dieses Wissen reflektieren lernen. Jugendliche bewegen sich heute stark im Internet. Dort gibt es eine Fülle an Gesundheitsinformationen, viele Influencer:innen und unzählige Botschaften darüber, was gesund, schön oder glücklich macht. Doch dabei handelt es sich nicht immer um gesicherte Informationen. Jugendliche müssen daher befähigt werden, damit kompetent umzugehen und diese Informationen aktiv hinterfragen zu können.

Welche Rolle hat die GÖG bei den Jugendgesundheitskonferenzen?
Unter dem Slogan „Creating Health: Together“ verbindet das „Netzwerk der Jugendgesundheitskonferenzen“ die Umsetzenden der Konferenzen der Bundesländer, ermöglicht gemeinsame Projektaktivitäten, Vernetzungstreffen, Öffentlichkeitsarbeit, übergreifende Forschung und organisiert die Bundesjugendgesundheitskonferenz für 2027. 
Das Netzwerk wird im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz durch das Kompetenzzentrum Zukunft Gesundheitsförderung der Gesundheit Österreich GmbH umgesetzt,. Dabei werden beispielsweise die Konferenzen in den Bundesländern und Tools zu Beteiligung auf „WohlfühlPOOL“ aufbereitet. Jugendliche können nach oder noch während der Konferenzen auf der Beteiligungsplattform „YouthVOICE“ einen Aha-Moment teilen und „Wow-Orte“ markieren, also sichtbar machen, was für sie ein gesunder Lebensraum ist. Die Umsetzungsorganisationen lernen in den eigens organisierten Vernetzungstreffen aus den Erfahrungen in anderen Bundesländen und entwickeln gemeinsam die Methodik weiter.

Welche Themen werden von den Jugendlichen in die Konferenzen eingebracht? 
Es sind psychosoziale Themen, aber auch Ernährung, Gesundheit, Bewegung, Umwelt oder das Klassenklima, Diskriminierung und Inklusion. Es sind immer sehr lebensnahe Themen, mit denen sich die jeweilige Projektgruppe besonders intensiv beschäftigt.

Welchen Stellenwert hat die Beteiligung?
Der ist zentral, denn die Projekte werden von den Jugendlichen entwickelt und umgesetzt. Dadurch ist der Grad der Beteiligung hoch, aber auch die Identifikation mit dem Ergebnis. Und durch das eigene Tun werden die Inhalte nachhaltig verinnerlicht. Parallel dazu entwickeln sich wichtige Lebenskompetenzen: Wie kann ich ein Projekt umsetzen? Wie kann ich mit anderen zusammenarbeiten? So werden viele Kompetenzen gestärkt und natürlich vor allem die Selbstwirksamkeit. Mitgestaltung, Mitbestimmung und Partizipation hängen stark mit Selbstwirksamkeit zusammen. Das ist ein wichtiger Aspekt für Resilienz und Gesundheit insgesamt.

Wenn Sie das jetzt mit anderen Schulprojekten vergleichen, was ist der Unterschied, was ist der Mehrwert von genau diesem Format? 
Es gibt keine Noten, es soll Spaß machen und ist weniger leistungsorientiert. Das Ziel ist, gemeinsam als Gruppe etwas umzusetzen, das für alle von Interesse ist. Oft werden auch psychosoziale Themen gewählt, das ist dann auch eine Chance, den Umgang miteinander zu reflektieren. Ich denke, dass es stärkend für die Gemeinschaft ist, gemeinsam Projekte umzusetzen. Und auch, dass es das Interesse am Thema Gesundheit sehr stärkt, weil jedes Projekt eben die Handschrift der Jugendlichen selbst trägt und sie sich einbringen können.

Welche Rolle haben die Jugendlichen, wenn es darum geht, das Thema auszuwählen oder überhaupt mitzugestalten?
Das Thema muss einen Gesundheitsbezug haben und den müssen sich die Jugendlichen selbst überlegen. Der Umfang des Projekts hängt auch davon ab, welche Zeitressourcen im jeweiligen Setting dafür verfügbar sind. So hat zum Beispiel eine Schulklasse gemeinsam ein Kochbuch erarbeitet, wo jede oder jeder aus ihrem oder seinem kulturellen Hintergrund eigene Lieblingsrezepte eingebracht hat.

Was passiert dann mit den Ideen und Ergebnissen? Wie werden die Ergebnisse gesichert? 
Die Ergebnisse werden auf den Konferenzen präsentiert. Dazu werden oftmals regionale Politiker:innen eingeladen. Die Mikroprojekte reichen von der Entwicklung eines Klimaspiels, der Gestaltung eines Pausenraumes oder die Errichtung eines Gemeinschaftsbeetes bis zu gemeinsam entwickelten Tools und Workshops zum Thema „Selbst- und Fremdwahrnehmung“ oder sexuelle Gesundheit.

Welche Altersgruppe wird angesprochen?
Das Alter von zwölf bis neunzehn Jahren.  

Wie erreicht man diese Altersgruppe am besten? 
Über die Einrichtungen und jene Erwachsenen, die dort bereits mit ihnen zusammenarbeiten. Die Jugendgesundheitskonferenzen setzen auch einen Schwerpunkt zur Einbindung benachteiligter Jugendlicher. Dies wird umgesetzt, indem auch verstärkt Einrichtungen adressiert werden, in denen Jugendliche vertreten sind, die vielleicht nicht so einfach eingebunden werden können.

Wo sind aus Ihrer Sicht die großen Barrieren, um diese benachteiligten Gruppen, aber auch alle anderen Jugendlichen zu erreichen? 
Das hängt immer von der Motivation und den Ressourcen der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ab. Ein Knackpunkt ist die Geografie, denn in Ballungszentren ist es einfacher als in ländlichen Regionen, einen Jugendevent auf die Beine zu stellen.

Woran erkennt man, dass eine Jugendkonferenz gewirkt hat? 
Dass die Jugendlichen am Ende zufrieden sind, wenn sie sich einbringen konnten, wenn sie in der Gruppe gut zusammengearbeitet haben und der Verband gestärkt wurde. Acht von zehn Jugendlichen in Wien sagen beispielsweise, dass sie sich durch die Konferenz stärker mit dem Thema Gesundheit auseinandersetzen.

Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders gut gefällt?
Unter dem Motto: „17 Ziele für eine bessere Welt“ wird in der NMS Lassnitzhöhe ein Kurzfilm mit dem Titel „Beacons of Hope“ produziert. Zusätzlich zum Film werden Kunstwerke und Lesungen gestaltet. Jugendliche zeigen in diesem Film, was ihnen guttut und ihre soziale Gesundheit verstärkt. Sie tragen das Ergebnis weiter und arbeiten gemeinsam, dadurch entsteht ein Reflexionsprozess. Die Ergebnisse werden an einem speziellen Aktionstag präsentiert und vorgeführt. Ziel ist die Förderung der Ich-Identität und der sozialen Kompetenzen.

Gibt es ein Feedback der Jugendlichen, das Sie aus den Konferenzen ableiten und das Ihnen besonders wichtig ist? 
Der Respekt, den ihnen Erwachsene, aber auch Gleichaltrige in den Konferenzen entgegenbringen.


Wohlfühl POOL 

YouthVOICE
 

Das Bild zeigt Brigitte Lindner