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Gemeinschaft in einer entscheidenden Lebensphase

Was genau ist eigentlich junge Selbsthilfe und wen spricht sie an? Julia Husemann von der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (NAKOS) erklärt im Interview, wie junge Selbsthilfe zum Thema wurde und welche Aktivitäten für diese Zielgruppe gesetzt werden.

Warum hat NAKOS das Thema „Junge Selbsthilfe“ als eigenes Arbeitsfeld etabliert?
Wir beschäftigen uns seit vielen Jahren, seit 2009 mit der jungen Selbsthilfe. Wir haben erkannt, dass junge Menschen und junge Selbsthilfeaktive besondere Voraussetzungen, Bedürfnisse und Zugangswege haben. Sie interessieren sich für andere Themen. Ein eigenes Arbeitsfeld sollte das Image der Selbsthilfe für junge Erwachsene interessanter machen und dabei die Lebensphase junger Menschen berücksichtigen.

Wobei ist Ihnen das aufgefallen? 
Rückmeldungen aus Selbsthilfekontaktstellen zeigten, dass junge Menschen in Selbsthilfegruppen kaum vertreten sind. Gleichzeitig gab es gezielte Anfragen nach Gruppen für Gleichaltrige. Bereits 2013 führte die NAKOS eine Befragung unter jungen Menschen in Studium und Ausbildung durch. Dabei wurde deutlich, dass viele junge Menschen Selbsthilfe zwar interessant finden und der Begriff nahezu allen bekannt ist, passende Angebote jedoch häufig nicht auffindbar oder sichtbar sind. Daraus lässt sich ableiten, dass junge Menschen eigene Zugänge sowie speziell auf sie zugeschnittene Angebote benötigen.

Welche Themen kommen hier häufig zur Sprache?
•    Psychische Belastungen und Erkrankungen
•    Sucht- und Abhängigkeit
•    Chronische Erkrankungen
•    Probleme in Familien und Beziehungen
•    Identitätsfindung, persönliche Entwicklung
•    Belastungen auf Grund von Schule, Ausbildung, Studium
•    Zukunftsängste

Wie definieren Sie die junge Selbsthilfe? 
Es gibt eine Definition, die aber nicht ganz starr zu betrachten ist. Meist sind junge Menschen zwischen etwa 18 und 35 Jahren gemeint, aber es gibt manchmal auch Personen, die etwas älter sind und sich noch zugehörig zur jungen Selbsthilfe fühlen, die werden auch nicht ausgeschlossen. Gruppen wachsen miteinander und werden „gemeinsam groß“. Die Junge Selbsthilfe umfasst Gruppen und Initiativen von jungen Menschen, die sich mit gesundheitlichen, psychischen und sozialen Themen beschäftigen.

Wie sehen konkret die Aktivitäten in dem Bereich aus?
Wir haben mit Bundestreffen und Workshops gestartet, die Themen bearbeitet haben, die junge Menschen interessieren. Es fanden auch Befragungen von jungen Menschen statt, die in der Ausbildung oder im Studium sind. Schrittweise wurden immer mehr Projekte initiiert, Vernetzungsangebote kreiert und Materialien etabliert, die insbesondere für die junge Selbsthilfe geeignet sind. Eine eigene Website für die junge Zielgruppe wurde erstellt, der „Lebensmutig-Blog“ eingerichtet und ein Podcast zur jungen Selbsthilfe ins Leben gerufen. Außerdem haben wir eine Datenbank für junge Gruppen aufgebaut. Derzeit sind dort 825 Gruppen zu verschiedenen Themen erfasst.

Sind die Themen oder die Lücken, die man evaluiert hat, heute noch dieselben?
Die Situation hat sich seitdem insgesamt deutlich verbessert. Es gibt inzwischen viele passende Angebote für die junge Selbsthilfe. In unserer Datenbank zeigt sich, dass das Gruppenangebot kontinuierlich wächst. Auch das Image der Selbsthilfe bei der jungen Zielgruppe ist heute deutlich positiver als noch vor einigen Jahren. Zudem werden junge Betroffene auf Social Media und anderen Plattformen zunehmend sichtbar und berichten offen über ihre Erfahrungen, wodurch sie andere junge Menschen ermutigen. Dennoch bestehen weiterhin Lücken, insbesondere im ländlichen Raum. Dort wird verstärkt auf digitale Angebote zurückgegriffen.

Welche Aufgabe übernimmt NAKOS konkret? 
Vorrangig unterstützen wir örtliche oder landesweite Selbsthilfekontaktstellen. Wir bieten beispielsweise Schulungen und Seminare für Mitarbeitende an, die neu in der Selbsthilfeunterstützung tätig sind und auch im Bereich der jungen Selbsthilfe mehr Wissen erlangen wollen. Ein Seminar deckt beispielsweise Grundlagen zur Jungen Selbsthilfe ab, wie man Gruppen im Gründungsprozess unterstützen kann und wie junge Menschen in der Selbsthilfe gehalten werden können. Wir bieten eine bundesweite Fachgruppe an. In den verschiedenen Bundesländern gibt es jeweils Ansprechpersonen für junge Selbsthilfe. Wir planen Veranstaltungen, kommen mehrmals im Jahr zusammen und tauschen uns dann über aktuelle Themen aus. Innovative Projekte werden hier vorgestellt, aber auch Fragen können untereinander besprochen werden. Vorrangig geht es darum, Selbsthilfekontaktstellen mit Materialien, aber auch mit Wissen rund um Junge Selbsthilfe auszustatten und die Vernetzung untereinander zu stärken.

Gibt es besondere Materialien oder Werkzeuge für die junge Zielgruppe?
Erstaunlicherweise werden viele „analoge“ Materialien bestellt wie Flyer oder Aufkleber. Wir haben ein einheitliches Logo zur Jungen Selbsthilfe in Deutschland und auch ein Monster-Logo mit dem Slogan „Monster besiegt man nicht allein“ – das ist ein Dauerbrenner. Insgesamt kann ich sagen, dass die Materialien der Jungen Selbsthilfe wirklich gut angenommen werden.

Sie beschreiben das Engagement dieser jungen Menschen als „bunt“. Was genau kann man sich darunter vorstellen?
Kurz gesagt: Es ist mehr als ein Stuhlkreis. Man merkt es zum Beispiel an den Bezeichnungen der jungen Gruppenangebote. Sie haben einfach modernere Namen (Depri-Helden Young Heroes, Enjoy your life, New way – no drugs) als herkömmliche Selbsthilfegruppen, sind mutiger und offener. Sie nutzen vielfältige Medien und auch kreativere und flexiblere Ausdrucks- und Aktionsformen.

Was sind aktuell Themen, die die jungen Menschen am meisten beschäftigen?
Psychische Gesundheit ist ein Schwerpunkt. Wir haben viele Gruppen rund um Depression, Ängste, Borderline und auch neurodivergente Themen wie ADHS. Suchtthemen sind weiterhin gefragt, aber auch Themen rund um Identitätszugehörigkeit, queere Themen und auch das Thema Einsamkeit.

Finden junge Menschen schwer den Weg in die Selbsthilfe? 
Eine Hürde ist immer noch die fehlende Sichtbarkeit. Viele junge Menschen wissen gar nicht, dass es Selbsthilfeangebote gibt oder wo man diese finden kann. Viele denken, Selbsthilfegruppen sind für ältere Menschen, und es gibt Vorurteile und Vorbehalte gegenüber dem Begriff Selbsthilfe. Zudem sind junge Menschen in ihrer Lebensphase auch oft zeitlich sehr eingespannt und müssen Ausbildung, Beruf und Familiengründung bündeln. Manche haben vielleicht auch Angst, dass es ihnen nach Gruppentreffen schlechter geht, weil Themen aufbrechen, über die sie gar nicht sprechen möchten. In der Realität erleben sie dann genau das Gegenteil, finden Unterstützung, Hilfe und sogar neue Freundschaften. Daher benötigen junge Menschen in der Selbsthilfe flexiblere Strukturen und auch mehr Unverbindlichkeit – zumindest anfangs.

Was brauchen die Selbsthilfekontaktstellen, um ein Angebot für die junge Zielgruppe gut aufzubauen?
Ich denke die Ressourcenfrage steht immer im Vordergrund. Oft fehlt es an der Zeit, das Thema zu bearbeiten. Gleichzeitig kann es sinnvoll sein, das Thema Junge Selbsthilfe grundsätzlich mitzudenken, wenn man sich mit Selbsthilfe beschäftigt und Angebote plant. Hilfreich können auch Kenntnisse sein, wie junge Menschen gut zu erreichen sind. Zum Beispiel über gezielte Öffentlichkeitsarbeit, Social Media und Kooperationen mit Bildungseinrichtungen.

Woran erkennen Sie, dass diese Angebote die jungen Menschen auch tatsächlich erreicht und wirkt?
Wir erhalten Rückmeldungen aus dem Feld der Jungen Selbsthilfe sowie kontinuierlich Anfragen zur Gründung neuer Gruppen durch junge Menschen. Gruppenmitglieder berichten, welche Veränderungen sich durch ihre Teilnahme ergeben haben: Motivation und Zuversicht im Umgang mit der eigenen Betroffenheit nehmen zu, neue Bewältigungsstrategien werden erlernt, und das Gefühl, mit der eigenen Situation nicht allein zu sein, wird gestärkt.

Gibt es bestimmte Partner, Kooperationen oder Netzwerke, die wichtig sind, um die jungen Menschen gut anzusprechen? 
Ja, es gibt auf jeden Fall wichtige Partner. Besonders relevant sind Kooperationen mit Bildungseinrichtungen wie Schulen, Hochschulen und Berufsschulen, weil man dort junge Menschen direkt erreicht. Auch Einrichtungen der Jugendhilfe sowie soziale Träger können eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus sind Netzwerke im digitalen Raum wichtig, etwa über soziale Medien oder Plattformen, auf denen sich junge Menschen austauschen. Entscheidend ist, dass Selbsthilfe dort präsent ist, wo sich junge Menschen ohnehin bewegen.

Gibt es aktuell konkrete Schritte, die Sie für die Junge Selbsthilfe planen?
Uns ist das gesamte Themenfeld der Jungen Selbsthilfe sehr wichtig. Wir wollen die Materialien weiterentwickeln, Fachveranstaltungen mit Vernetzungsangeboten fördern, Öffentlichkeitsarbeit und Social Media aktiv betreiben und sind im regelmäßigen Austausch mit jungen Selbsthilfeaktiven, um an aktuellen Themen und Herausforderungen dranzubleiben.

Das Bild zeigt Julia Husemann