Beteiligung, die wirkt: Prinzipien für Kinder- und Jugendbeteiligung in Österreich
Wie entsteht echte Beteiligung und woran erkennt man, dass sie nicht nur mitgedacht, sondern umgesetzt wird? Diese Frage beantwortet Robert Lender vom Kompetenzzentrum Jugend im Bundeskanzleramt im Interview. Er gibt Einblicke in die Entwicklung der Kinder- und Jugendbeteiligung in Österreich und zeigt, warum klare Spielregeln, Inklusion und Verbindlichkeit entscheidend sind.
Wie ist Kinder- und Jugendbeteiligung in Österreich entstanden?
Kinder- und Jugendbeteiligung ist in Österreich seit Jahrzehnten ein Thema, eine klar abgrenzbare Gründungsgeschichte lässt sich aber nicht auf einen einzelnen Zeitpunkt oder Akteur zurückführen. Fest steht, dass bereits seit über 20 Jahren stabile Kooperationsstrukturen existieren, etwa die ARGE Partizipation als Zusammenarbeit zwischen der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit, den Landesjugendreferaten und dem jeweils zuständigen Ministerium.
Ein wesentlicher Impuls kam aus der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit. Sie baut traditionell auf Freiwilligkeit und Beziehungsarbeit auf und damit auf der Grundannahme, dass junge Menschen nicht nur Adressatinnen und Adressaten, sondern aktive Mitgestalter:innen sein sollen. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass Projekte und Maßnahmen, die sich an Kinder und Jugendliche richten, durch echte Beteiligung häufig an Qualität gewinnen. Sie werden zielgruppengerechter, alltagstauglicher und besser akzeptiert. Auch auf Ebene der Jugendpolitik hat sich dieser Ansatz über Jahre verfestigt. Das Leitmotiv lautet, dass nicht für, sondern mit jungen Menschen gearbeitet wird.
Wer gibt die übergeordnete Zielrichtung vor?
Auch das lässt sich nicht mit einer einzelnen Institution beantworten. Es gibt keinen Akteur, der allein die Richtung definiert, weil Kinder- und Jugendbeteiligung auf verschiedenen politischen Ebenen und in vielen Einrichtungen verankert ist und entsprechend unterschiedlich umgesetzt wird. Orientierung und Qualitätsdiskussionen werden jedoch gezielt vorangetrieben. So wird etwa in der Nationalen Arbeitsgruppe Jugenddialog und Jugendbeteiligung mit Vertreterinnen und Vertretern der Landesjugendreferate, des Bundeskanzleramts und bundesweiter Jugendarbeitsnetzwerke an einem gemeinsamen Qualitätsverständnis gearbeitet. In diesem Rahmen wurden zuletzt auch die Prinzipien der Kinder- und Jugendbeteiligung erneut veröffentlicht. In Summe ist Kinder- und Jugendbeteiligung in Österreich breit, vielfältig und sowohl informell als auch formal in unterschiedlichen Bereichen verankert, wird von vielen Playern getragen und hat gemeinsame Leitideen.
Was versteht man unter qualitätsvoller Kinder- und Jugendarbeit, wie wird sie gemessen und wo trifft sich das mit den Interessen der jungen Selbsthilfe?
Das Messen von Kinder- und Jugendbeteiligung ist anspruchsvoll, weil es in vielen relevanten Bereichen keinen eindeutigen, allgemein gültigen Indikator gibt. Wenn man die aktuellen Prinzipien heranzieht, sind einzelne Aspekte zwar durchaus messbar im Sinne von überprüfbar, wie etwa die Frage, ob ein Kinderschutzkonzept vorhanden ist. Über die Qualität eines solchen Konzepts kann man jedoch erst in einem zweiten Schritt seriös diskutieren, weil hier Inhalt, Umsetzung und Wirksamkeit entscheidend sind.
Viele andere Kriterien hängen stark davon ab, welche Form von Beteiligung gewählt wird und welches Projekt umgesetzt werden soll. Beteiligung kann sehr unterschiedlich gestaltet sein, entsprechend gibt es auch verschiedene Abstufungen und Qualitätsdimensionen. Genau deshalb versteht man die Prinzipien nicht als starres Bewertungssystem, sondern als Orientierungsrahmen. Es sind Prinzipien, über die man nachdenken sollte und die für das jeweilige Vorhaben konkret übersetzt werden müssen. Entscheidend ist also, wie diese Prinzipien im eigenen Projekt sinnvoll und kontextgerecht umgesetzt werden.
Qualität zeigt sich aus dieser Perspektive vor allem darin, dass Beteiligung junge Menschen wertschätzt und ihnen ermöglicht, sich dort und so einzubringen, wie es ihren Lebensrealitäten entspricht. Zugleich soll Beteiligung Nutzen stiften: für die Kinder und Jugendlichen selbst, für das Thema, zu dem sie eingebunden werden, und letztlich auch für die Gesellschaft.
Die Qualitätskriterien sind öffentlich zugänglich und wurden in einem Überarbeitungsprozess neu gestaltet, der Anfang 2025 abgeschlossen wurde. Seither werden sie bewusst als „Prinzipien für Kinder- und Jugendbeteiligung“ bezeichnet, denn es ist keine Checkliste, die man einfach abarbeiten kann. Es handelt sich vielmehr um Prinzipien, wie beispielsweise Begleitung, Diversität, Inklusion, Respekt und Wertschätzung oder Überparteilichkeit, die als Grundlage dienen, wenn man ein Beteiligungsprojekt oder eine Beteiligungsstruktur entwickelt und dabei die Qualität reflektiert und weiterentwickelt.
Wie sind diese Prinzipien zustande gekommen?
Sie gehen auf Qualitätskriterien zurück, die bereits vor rund 20 Jahren entwickelt wurden. Seither wurden sie gemeinsam mit Expertinnen und Experten laufend reflektiert und immer wieder überarbeitet. Ein wesentlicher Impuls für den jüngsten, umfassenderen Überarbeitungsschub kam durch den EU-Jugenddialog. Die European Youth Goals wurden während der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft in einem breiten, partizipativen Prozess quer durch Europa erarbeitet, unter Einbindung von rund 50.000 jungen Menschen. Insbesondere die Behandlung das European Youth Goal #3 „Inklusive Gesellschaften“ im Rahmen des Jugenddialogs hat die Diskussion in Österreich zusätzlich verstärkt und die Frage aufgeworfen, wie inklusiv die bestehenden Qualitätskriterien tatsächlich gestaltet sind.
Aus dieser Fragestellung entwickelte sich ein breit angelegter Diskussions- und Workshopprozess. Dabei wurden gezielt Menschen und Institutionen aus unterschiedlichen Inklusions- und Praxisfeldern eingebunden, etwa aus Bereichen, die mit geflüchteten Jugendlichen oder in der Behindertenintegration arbeiten. In mehreren Workshops flossen diese Perspektiven in eine inhaltliche Weiterentwicklung ein, die die bisherigen Qualitätskriterien konsequent in Richtung eines Prinzipien-Ansatzes schärfte.
Nach einer ersten Fertigstellung wurde der Entwurf zusätzlich einer breiten Reflexionsrunde unterzogen. Akteurinnen und Akteure aus unterschiedlichen Bereichen wie der Jugendarbeit, der Kinder- und Jugendhilfe oder dem Gesundheitswesen wurden eingeladen, die Inhalte zu prüfen und Rückmeldungen zu geben. In einzelnen Bereichen wurden dabei auch junge Menschen einbezogen. Nach wie vor ist der Text anspruchsvoll. Umso wichtiger sind Expertinnen und Experten aus der Praxis, die diese Prinzipien in die jeweilige Zielgruppe und in konkrete Beteiligungsprojekte übersetzen und damit anwendbar machen.
Wie können jetzt junge Menschen in der Selbsthilfe davon profitieren, wie können sie diese Prinzipien in ihre Arbeit integrieren?
Die Prinzipien für Kinder- und Jugendbeteiligung können auch für junge Menschen in der Selbsthilfe einen konkreten Mehrwert bieten. Ich sehe hier zwei Richtungen: Erstens profitieren junge Menschen dann, wenn Beteiligungsprojekte und Maßnahmen diese Prinzipien konsequent anwenden. Denn damit wird wahrscheinlicher, dass Beteiligungsprozesse so gestaltet sind, dass wirklich alle jungen Menschen teilhaben können, auch jene aus der jungen Selbsthilfe. Die Prinzipien helfen, Beteiligung zugänglicher, respektvoller und inklusiver zu organisieren, sodass unterschiedliche Lebensrealitäten und Bedürfnisse besser berücksichtigt werden.
Zweitens können junge Menschen aus der Selbsthilfe die Prinzipien selbst aktiv nutzen. Sie können sich bei Beteiligungsprojekten gezielt melden und einfordern, dass diese „Standards“ eingehalten werden.
Gibt es einen Rechtsanspruch auf Partizipation?
Ein Teil der UN-Kinderrechtskonvention wurde in die Bundesverfassung übernommen. Hier hält der Artikel 4 fest, dass jedes Kind das Recht auf angemessene Beteiligung und auf Berücksichtigung seiner Meinung in allen es betreffenden Angelegenheiten hat, und zwar in einer Weise, die Alter und Entwicklungsstand entspricht. Als „Kind“ gilt dabei jede Person bis 18 Jahre.
Gleichzeitig ist dieser Verfassungsartikel noch wenig ausjudiziert. Was das Recht im Detail umfasst und wie es im Einzelfall durchsetzbar ist, ist weiterhin Gegenstand fachlicher Diskussionen.
Darüber hinaus finden sich Beteiligungsrechte in zahlreichen Einzelregelungen, wie etwa im Schulbereich über die Schülervertretung oder auf Bundesebene über das Bundes-Jugendvertretungsgesetz, das eine gesetzlich eingerichtete Kinder- und Jugendvertretung vorsieht. Auch andere Gesetze definieren in spezifischen Bereichen Beteiligungsformen für junge Menschen. Ein allgemeines, einheitliches Beteiligungsgesetz gibt es in Österreich derzeit jedoch nicht.
Ein weiteres starkes Signal für gelebte Beteiligung ist zudem, dass Österreich im internationalen Vergleich früh politische Teilhabe ermöglicht. Wahlen sind bereits ab 16 Jahren möglich und damit eine zentrale Form demokratischer Mitbestimmung.
Welche Beteiligungsformate funktionieren aus Ihrer Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen am besten?
Das hängt stark davon ab, wobei und wie junge Menschen einbezogen werden sollen. In der Praxis bewährt sich meist ein Mix aus digitalen und analogen Formaten. Digitale Kanäle eignen sich gut, um Informationen zugänglich zu machen, und das ist zentral, denn Beteiligung kann nur dann gelingen, wenn sie auf guter, verständlicher Information basiert.
Welche Methode konkret passt, hängt vom Anspruch des Beteiligungsprojekts ab. Je nach Kontext können das Großveranstaltungen, kleine Gruppenformate, Befragungen oder auch längerfristige Beteiligungsprozesse über Monate oder Jahre sein oder auch eine einmalige Beteiligung.
Gibt es ein Best-Practice-Beispiel, das diese Prinzipien besonders vorbildlich übernommen hat?
Wir unterstützen zum Beispiel finanziell die jährliche Jugendkonferenz, die von der Bundesjugendvertretung getragen und gemeinsam mit den Bundesländern umgesetzt wird. Dabei kommen jedes Jahr rund 70 Jugendliche mit den Jugendlandesrätinnen und -räten und der Jugendministerin zusammen. Die Bundesjugendvertretung achtet konsequent darauf, dass die relevanten Beteiligungsprinzipien tatsächlich umgesetzt werden, insbesondere im Bereich Inklusion. So wird gezielt in passenden Netzwerken beworben, um auch junge Menschen mit Behinderungen zu erreichen. Zusätzlich werden je nach Bedarf die Teilnahme von Begleitpersonen ermöglicht.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die visuelle Aufbereitung der Diskussionen. Das erleichtert das Verständnis etwa bei jungen Menschen mit Lernschwierigkeiten, dem Ablauf und den Inhalten besser zu folgen.
Wie wird Verbindlichkeit hergestellt, sodass die Ergebnisse, die dort ausgearbeitet wurden, auch tatsächlich weiter bearbeitet werden?
Das muss bereits bei der Planung mitgedacht werden. Das erfordert eine klare Abstimmung mit den beteiligten Entscheidungsträgerinnen und -trägern. Welche Rolle haben sie, welche Zusagen können sie machen, und wie sieht der weitere Prozess aus? Das Ergebnis muss anschließend auch transparent an die Jugendlichen kommuniziert werden.
Gleichzeitig muss realistisch sein, dass nicht jede Forderung umgesetzt werden kann. Entscheidend ist daher, dass klar ist, was mit den Ergebnissen passiert und das kann je nach Projekt sehr unterschiedlich sein. Manche Formate sind bewusst ideenorientiert, andere sind unmittelbar umsetzungsnah, etwa die Gestaltung eines Jugendzentrums oder ähnliche Entscheidungen im direkten Lebensumfeld.
Es gibt auch Modelle, in denen Jugendliche ein eigenes Budget von der Gemeinde erhalten und über tatsächlich Verwendung selbst entscheiden. Wichtig ist in allen Varianten, dass der Umsetzungsgrad und die Handlungsspielräume idealerweise schon in der Bewerbung und zu Projektbeginn klar benannt werden. So gehen Jugendliche nicht mit falschen Erwartungen in den Prozess und Beteiligung bleibt glaubwürdig.
Wie sichern Sie den Wissenstransfer?
Beteiligung findet in sehr unterschiedlichen Settings statt: in Schulen, Jugendzentren, Jugendorganisationen oder auch in anderen Institutionen. Einen zentralen, systematisch erfassten Überblick über Projekte, Methoden und Ergebnisse gibt es bisher kaum. In unseren Prinzipien wird zwar betont, dass Wissen dokumentiert und nutzbar gemacht werden sollte, in der Praxis braucht es hier aber noch einen längeren Entwicklungsweg.
Oft ist der Prozess gut beschrieben, die Ergebnisse aber nicht. Das hängt aus meiner Sicht auch mit unserer Fehlerkultur zusammen, denn ist das Ergebnis nicht so wie gewünscht, dokumentiert man es vielleicht auch nicht gerne.
Wo Wissenstransfer bereits gut funktioniert, ist die „Wirkungsbox Außerschulische Kinder- und Jugendarbeit“, ein Projekt, das wir auch fördern. Dort werden Forschungsergebnisse zu den Wirkungen außerschulischer Kinder- und Jugendarbeit gesammelt. Aktuell sind dort rund 180 internationale Forschungsprojekte gebündelt, darunter auch Arbeiten, die sich mit der Frage beschäftigen, wie Partizipation im Kontext der Kinder- und Jugendarbeit wirkt.
Woran merkt die junge Selbsthilfe, dass Kinder- und Jugendbeteiligung in Österreich gelebt wird?
Das zeigt sich aus meiner Sicht an mehreren Entwicklungen, insbesondere im Gesundheitsbereich, wo das Thema Beteiligung in den letzten Jahren deutlich stärker in den Fokus gerückt ist. Als Vorsitzender des Komitees für Kinder- und Jugendgesundheit im Gesundheitsministerium konnte ich bei der Neufassung der Kinder- und Jugendgesundheitsstrategie feststellen, dass Beteiligung einen wesentlich höheren Stellenwert erhält. Dabei geht es nicht nur um Bereiche wie Prävention, sondern ausdrücklich auch um die Frage, wie Beteiligung in der Versorgungsstruktur des Gesundheitswesens verankert werden kann.
Darüber hinaus finden sich zahlreiche Beteiligungsprojekte in Jugendorganisationen. Auch auf politischer Ebene gibt es positive Beispiele. In mehreren Bundesländern wurden Kinder- und Jugendstrategien unter Einbindung junger Menschen entwickelt. Einige Länder setzen zudem auf Formate wie Jugendlandtage, an denen Jugendliche aktiv teilnehmen können. Auf Bundesebene ist Beteiligung in der Österreichischen Jugendstrategie verankert, unter anderem durch sogenannte „Reality Checks“.
Wenn man gezielt sucht, findet man in Österreich durchaus gelebte Beteiligung. Gleichzeitig bleibt eine Herausforderung, dass es bislang keine zentrale Stelle gibt, die Projekte und Ergebnisse systematisch bündelt und sichtbar macht. Ein wichtiger Schritt in Richtung besserer Orientierung ist der Relaunch des österreichischen Jugendportals. Dort erhalten junge Menschen qualitativ hochwertige Informationen – inklusive Verweisen auf Beratungsstellen und weiterführende Informationsangebote. Zusätzlich wurde ein eigener Bereich „Mitmachen“ eingerichtet, in dem das Thema Kinder- und Jugendbeteiligung künftig stärker sichtbar gemacht werden soll.
Prinzipien für Kinder- und Jugendbeteiligung in Österreich
